Was haben Datenjournalismus, automatisierte Texte und eine hohe Feinstaubbelastung gemeinsam? Stuttgart.

Feinstaub liegt in der Luft. Nicht nur während eines Feinstaubalarms und nicht nur an Hauptstraßen. Feinstaub ist immer und überall da. Nur gemessen wird er nicht.

Feinstaubalarm in Stuttgart: „Bitte lassen Sie Ihr Fahrzeug stehen“, tönt es aus den Autoradios, während sich die Menschen in der üblichen Kolonne auf den Weg zur Arbeit machen. Die hohe Feinstaubbelastung in Großstädten und Ballungsräumen ist seit Jahren ein Dauerbrennerthema, nicht erst seit dem Dieselskandal. Das Stuttgarter Neckartor gilt dabei überregional als Inbegriff für dicke Luft. Doch wie kann man der Umweltverschmutzung den Kampf ansagen, ohne mit erhobenem Zeigefinger auf das Auto zu deuten? Mit der Erkenntnis, dass Feinstaub nicht nur während des Alarms und an Hauptstraßen existiert – gepaart mit dem Ziel, das auch zu beweisen. Mit Daten. Vielen Daten. Und mit Roboterjournalismus.

Der Bürger kann sich für 30 Euro ein Messgerät zum Selberbauen nach Hause holen.

Seit 3. November 2017 veröffentlichen die Stuttgarter Zeitung und die Stuttgarter Nachrichten einen täglichen Feinstaubradar für die Stadtbezirke, die Kreisstädte und Landkreise in der Region Stuttgart sowie die Städte Tübingen, Reutlingen und Heilbronn. Dazu wird die Feinstaubbelastung mithilfe von rund 750 Sensoren – Stand Februar 2018 – der Open-Data-Initiative OK Lab permanent gemessen. Die so gesammelten Daten werden aufbereitet und sowohl in einer stündlich aktualisierten Karte als auch als automatisierte Texte veröffentlicht.

In Kooperation mit OK Lab und unter Zuhilfenahme eines meteorologischen Modells von kachelmannwetter.com entsteht seither die Datengrundlage für den Feinstaubradar. OK Lab Stuttgart entwickelte als Reaktion auf die schlechten Luftwerte in der Stadt ein kostengünstiges Messgerät zum Selberbauen. Mit einem Aufwand von nur 30 Euro und rund einer Stunde Zeit kann sich jeder Bürger einen professionellen Sensor nach Hause holen, der alle 90 Sekunden den Feinstaubwert direkt an die zentrale Datenbank schickt. Von dort aus werden die großen Datenmengen in eine Livekarte umgesetzt – eine Herausforderung für sich.

Rund 80 Texte werden für den Radar täglich automatisch generiert. Dafür nutzt die Redaktion die Textautomatisierungssoftware des Stuttgarter Dienstleisters AX Semantics. Die Texte werden entsprechend mit „ax“ gekennzeichnet. Doch zuvor musste der Textroboter ausgiebig trainiert werden.

„Damit wollen wir schauen, wie sich die Zukunftstechnologie Roboterjournalismus in die redaktionellen Abläufe einfügt und wie Texte, die nah am Leser geschrieben sind, angenommen werden.“

„Damit wollen wir zum einen schauen, wie sich die Zukunftstechnologie Roboterjournalismus in die redaktionellen Abläufe einfügt und zum anderen, wie solche Texte, die nah am Leser geschrieben sind, angenommen werden“, sagen die Chefredakteure der beiden Blätter, Joachim Dorfs (Stuttgarter Zeitung) und Christoph Reisinger (Stuttgarter Nachrichten). Das Besondere an diesem Projekt ist die Verbindung aus Umwelt-, Lokal- und Datenjournalismus, aus Innovation und Kooperation sowie Bürgerengagement. Der Auslöser auf SWMH-Seite war zunächst der redaktionelle Wunsch aus der Ideenbox des Bereichs „Strategie & Innovation“, automatisierte Texte auszuprobieren. Daraus wurde eine Art erweiterter Wetterbericht für die Region Stuttgart. Das Potenzial des Projekts ist jedoch noch lange nicht ausgeschöpft. In einem ersten Feinstaub-Hackathon brachte die Redaktion interessierte Bürger, Bastler, Datenexperten und Journalisten zusammen, um darüber zu diskutieren, wie das Feinstaubprojekt weiterentwickelt werden kann. Dabei entstanden sehr spannende Ansätze. Und damit ist nicht Schluss – es ist vielmehr ein Anfang.